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11.3.2014 - Darmstädter Echo

von Silvia Adler

Heute (11.) feiert der polnische Pianist Maciej Lukaszczyk seinen 80. Geburtstag. Er war 1970 der Gründer der Darmstädter Chopin-Gesellschaft und ist auch aktuell noch deren Präsident.

„Chopin in Deutschland in ein anderes Licht zu rücken“, war das Anliegen des Pianisten Maciej Lukaszczyk, als er in Darmstadt die erste Chopin-Gesellschaft auf deutschem Boden gründete. Das war vor 44 Jahren, als Polen noch hinter dem Eisernen Vorhang lag. Und: „Was die polnische Kultur anbelangte, herrschte in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Unkenntnis“, sagt Lukaszczyk, der heute (11.) seinen 80. Geburtstag feiert. Besonders befremdet habe ihn der vorurteilsbehaftete Blick auf Frédéric Chopin.

Lukaszczyk ist 1964 aus der Polnischen Volksrepublik nach Wien emigriert und hat sich zwei Jahre später in Darmstadt niedergelassen. In jener Zeit habe man das polnische Klaviergenie Chopin vor allem als französischen Salonkomponisten wahrgenommen, meint er. Mit Konzerten, zu denen Lukaszczyk international tonangebende Chopin-Interpreten einlud, sowie den in Darmstadt veranstalteten „Polnischen Musik- und Kulturwochen“ unternahm der Pianist den Versuch, dieses Vorurteil zu widerlegen.

Seine erste Begegnung mit Chopins Musik hat der 1934 in Warschau geborene Sohn eines Mediziners noch lebhaft in Erinnerung. In der Dienstwohnung seines Vaters stand ein Flügel, auf dem eine Bekannte der Familie Chopins A-Dur-Polonaise übte. Der damals Siebenjährige fühlte sich vom Klang dieser Musik sofort angesprochen. Trotz der schwierigen Kriegszeiten ermöglichten die Eltern ihm und seinem Zwillingsbruder Jacek regelmäßigen Klavierunterricht. Denn sein Vater war nicht nur ein bedeutender Onkologe, sondern auch ein großer Musikliebhaber. Er schätzte es besonders, seinem Sohn beim Improvisieren zuzuhören.

Obgleich eine Arztkarriere vorgezeichnet schien, entschieden sich beide Zwillingsbrüder für die Musik. Maciej Lukaszczyk studierte in Warschau bei den Professoren Kazuro-Trombini, Drzewiecki und Eckier. Nach der Emigration nach Wien setzte er seine Studien bei Hans Kann fort, der ihn schließlich mit nach Darmstadt nahm und ihm eine Stelle als Korrepetitor am damaligen Landestheater vermittelte. „Dort habe ich viel gelernt über die systematische deutsche Arbeitsweise“, erinnert sich Lukaszczyk.

Doch das streng hierarchische Prinzip des Theaterbetriebes habe ihm nur wenig gelegen. „Ich bin doch aus Polen weggegangen, um ein bisschen mehr Freiheit zu haben und nicht um mich am Theater dirigieren zu lassen“, sagt er. Lukaszczyk, der sich inzwischen als Chopin-Interpret in Darmstadt einen Namen gemacht hatte, kündigte den Theaterjob und widmete sich fortan ausschließlich seinen Konzerten und seiner pädagogischen Tätigkeit.

Um seine Person bildete sich bald ein Anhängerkreis, aus dem heraus die „Chopin-Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland“ entstand. Offiziell gegründet wurde sie am 1. September 1970, in Erinnerung an den Tag des deutschen Überfalls auf Polen im Jahr 1939. Obgleich der Gründungstag zunächst nur zufällig auf dieses geschichtsträchtige Datum fiel, besitzt diese Tatsache für Lukaszczyk rückblickend eine große Symbolkraft.

Dank der guten Kontakte, die er noch während seiner Studienjahre in Polen geknüpft hatte, gaben sich in Darmstadt bald die renommiertesten Chopin-Spezialisten ihrer Zeit die Klinke in die Hand. Auf der Liste der Pianisten die der Einladung der Chopin-Gesellschaft folgten, finden sich viele illustre Namen wie Eric Berchot, Pavel Gililov, Halina Czerny-Stefanska, Jan Eckier über Adam Harasiewicz und Marta Sosinska. Besonders im Gedächtnis geblieben ist Lukaszczyk der Auftritt des polnischen Interpreten Adam Harasiewicz im vollbesetzten Audimax der Technischen Universität Darmstadt. „Das Niveau, auf dem er an diesem Abend gespielt hat, war unerreichbar hoch. Diesen Klang haben wir, die älteren Mitglieder der Gesellschaft, immer noch im Ohr.“ Internationales Renommee erwarb sich die Gesellschaft auch durch die hochkarätig besetzten Meisterkurse und den Darmstädter Chopin-Klavierwettbewerb, den es seit 1983 gibt. Dieser wird inzwischen als zweitwichtigster reiner Chopin-Wettbewerb nach Warschau eingestuft.

Zu den Höhepunkten von Lukaszczyks eigener Karriere gehörten neben ausverkauften Solokonzerten in Darmstadt und erfolgreichen Duo-Auftritten mit seinem Bruder Jacek, die ihn in viele europäische Länder und in die USA führten, auch der Gewinn eines Sonderpreises beim renommierten ARD-Wettbewerb, den er zusammen mit seinem Zwillingsbruder erhielt.

1991 wurde Maciej Lukaszczyk mit einem Bundesverdienstkreuz, 1999 mit dem Verdienstorden der Republik Polen ausgezeichnet. Auch wenn er heute aufgrund seines Alters nur noch wenige Konzerte gibt, hat seine Beschäftigung mit Chopin keineswegs nachgelassen. Noch immer übt er dessen Werke, in denen der Pianist bis heute Neues zu entdecken vermag. Demnächst wird Lukaszczyk eine Chopin-CD aufnehmen, die seinem kürzlich verstorbenen Bruder gewidmet sein soll.

Vom Amt des Präsidenten der Chopin-Gesellschaft, das er 44 Jahre lang ausgeübt hat, möchte sich Lukaszczyk bald zurückziehen, sagt er. Wichtig für die Zukunft der Gesellschaft erscheint es ihm, offen zu bleiben für neue ästhetische Positionen, dabei die Tradition, in der Chopins Musik wurzelt, aber nicht aus den Augen zu verlieren.

„Chopin bleibt so wie er ist, aber wir verändern uns“, meint der Gründer der Gesellschaft. Zu jeder Zeit und in jedem Lebensalter gelte es, andere Werte in seiner Musik zu entdecken.

  Chopin Gesellschaft Rheinland-Pfalz